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Title: Marienkind
Author: Grimm, Jacob Ludwig Carl (1785-1863)
Author: Grimm, Wilhelm Carl (1786-1859)
Date of first publication: 1812 [original version]
Edition used as base for this ebook:
   Gttingen: Verlag der Dieterichschen Buchhandlung, 1857
   [Kinder und Hausmrchen gesammelt durch die Brder Grimm.
   Erster Band. Groe Ausgabe. Siebente Auflage.]
Date first posted: 20 May 2011
Date last updated: 20 May 2011
Project Gutenberg Canada ebook #791

This ebook was produced by
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Titre: Marienkind
Auteur: Grimm, Jacob Ludwig Carl (1785-1863)
Auteur: Grimm, Wilhelm Carl (1786-1859)
Date de la premire publication: 1812 [version originale]
dition utilise comme modle pour ce livre lectronique:
   Gttingen: Verlag der Dieterichschen Buchhandlung, 1857
   [Kinder und Hausmrchen gesammelt durch die Brder Grimm.
   Erster Band. Groe Ausgabe. Siebente Auflage.]
Date de la premire publication sur Project Gutenberg Canada:
   20 mai 2011
Date de la dernire mise  jour:
   20 mai 2011
Livre lectronique de Project Gutenberg Canada no 791

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3.

Marienkind.


Vor einem groen Walde lebte ein Holzhacker mit seiner Frau, der hatte
nur ein einziges Kind, das war ein Mdchen von drei Jahren. Sie waren
aber so arm, da sie nicht mehr das tgliche Brot hatten und nicht
wuten was sie ihm sollten zu essen geben. Eines Morgens gieng der
Holzhacker voller Sorgen hinaus in den Wald an seine Arbeit, und wie er
da Holz hackte, stand auf einmal eine schne groe Frau vor ihm, die
hatte eine Krone von leuchtenden Sternen auf dem Haupt und sprach zu ihm
'ich bin die Jungfrau Maria, die Mutter des Christkindleins: du bist
arm und drftig, bring mir dein Kind, ich will es mit mir nehmen, seine
Mutter sein und fr es sorgen.' Der Holzhacker gehorchte, holte sein
Kind und bergab es der Jungfrau Maria, die nahm es mit sich hinauf in
den Himmel. Da gieng es ihm wohl, es a Zuckerbrot und trank se Milch,
und seine Kleider waren von Gold, und die Englein spielten mit ihm. Als
es nun vierzehn Jahr alt geworden war, rief es einmal die Jungfrau Maria
zu sich und sprach 'liebes Kind, ich habe eine groe Reise vor, da nimm
die Schlssel zu den dreizehn Thren des Himmelreichs in Verwahrung:
zwlf davon darfst du aufschlieen und die Herrlichkeiten darin
betrachten, aber die dreizehnte, wozu dieser kleine Schlssel gehrt,
die ist dir verboten: hte dich da du sie nicht aufschlieest, sonst
wirst du unglcklich.' Das Mdchen versprach gehorsam zu sein, und als
nun die Jungfrau Maria weg war, fieng sie an und besah die Wohnungen des
Himmelreichs: jeden Tag schlo es eine auf, bis die zwlfe herum waren.
In jeder aber sa ein Apostel, und war von groem Glanz umgeben, und es
freute sich ber all die Pracht und Herrlichkeit, und die Englein, die
es immer begleiteten, freuten sich mit ihm. Nun war die verbotene Thr
allein noch brig, da empfand es eine groe Lust zu wissen was dahinter
verborgen wre, und sprach zu den Englein 'ganz aufmachen will ich sie
nicht und will auch nicht hinein gehen, aber ich will sie aufschlieen,
damit wir ein wenig durch den Ritz sehen.' 'Ach nein,' sagten die
Englein, 'das wre Snde: die Jungfrau Maria hats verboten, und es
knnte leicht dein Unglck werden.' Da schwieg es still, aber die
Begierde in seinem Herzen schwieg nicht still, sondern nagte und pickte
ordentlich daran und lie ihm keine Ruhe. Und als die Englein einmal
alle hinausgegangen waren, dachte es 'nun bin ich ganz allein und knnte
hinein gucken, es wei es ja niemand, wenn ichs thue.' Es suchte den
Schlssel heraus und als es ihn in der Hand hielt, steckte es ihn auch
in das Schlo, und als es ihn hinein gesteckt hatte, drehte es auch um.
Da sprang die Thre auf, und es sah da die Dreieinigkeit im Feuer und
Glanz sitzen. Es blieb ein Weilchen stehen und betrachtete alles mit
Erstaunen, dann rhrte es ein wenig mit dem Finger an den Glanz, da ward
der Finger ganz golden. Alsbald empfand es eine gewaltige Angst, schlug
die Thre heftig zu und lief fort. Die Angst wollte auch nicht wieder
weichen, es mochte anfangen was es wollte, und das Herz klopfte in einem
fort und wollte nicht ruhig werden: auch das Gold blieb an dem Finger
und gieng nicht ab, es mochte waschen und reiben so viel es wollte.

Gar nicht lange, so kam die Jungfrau Maria von ihrer Reise zurck. Sie
rief das Mdchen zu sich und forderte ihm die Himmelsschlssel wieder
ab. Als es den Bund hinreichte, blickte ihm die Jungfrau in die Augen,
und sprach 'hast du auch nicht die dreizehnte Thre geffnet?' 'Nein'
antwortete es. Da legte sie ihre Hand auf sein Herz, fhlte wie es
klopfte und klopfte, und merkte wohl da es ihr Gebot bertreten und die
Thre aufgeschlossen hatte. Da sprach sie noch einmal 'hast du es gewis
nicht gethan?' 'Nein' sagte das Mdchen zum zweitenmal. Da erblickte sie
den Finger der von der Berhrung des himmlischen Feuers golden geworden
war, sah wohl da es gesndigt hatte und sprach zum drittenmal 'hast du
es nicht gethan?' 'Nein' sagte das Mdchen zum drittenmal. Da sprach die
Jungfrau Maria 'du hast mir nicht gehorcht, und hast noch dazu gelogen,
du bist nicht mehr wrdig im Himmel zu sein.'

Da versank das Mdchen in einen tiefen Schlaf, und als es erwachte, lag
es unten auf der Erde, mitten in einer Wildnis. Es wollte rufen, aber es
konnte keinen Laut hervorbringen. Es sprang auf und wollte fortlaufen,
aber wo es sich hinwendete, immer ward es von dichten Dornhecken zurck
gehalten, die es nicht durchbrechen konnte. In der Einde, in welche es
eingeschlossen war, stand ein alter hohler Baum, das mute seine Wohnung
sein. Da kroch es hinein, wenn die Nacht kam, und schlief darin, und
wenn es strmte und regnete, fand es darin Schutz: aber es war ein
jmmerliches Leben, und wenn es daran dachte, wie es im Himmel so
schn gewesen war, und die Engel mit ihm gespielt hatten, so weinte
es bitterlich. Wurzeln und Waldbeeren waren seine einzige Nahrung, die
suchte es sich, so weit es kommen konnte. Im Herbst sammelte es die
herabgefallenen Nsse und Bltter und trug sie in die Hhle, die Nsse
waren im Winter seine Speise und wenn Schnee und Eis kam, so kroch es,
wie ein armes Thierchen in die Bltter, da es nicht fror. Nicht lange,
so zerrissen seine Kleider und fiel ein Stck nach dem andern vom Leib
herab. Sobald dann die Sonne wieder warm schien, gieng es heraus und
setzte sich vor den Baum, und seine langen Haare bedeckten es von allen
Seiten wie ein Mantel. So sa es ein Jahr nach dem andern und fhlte den
Jammer und das Elend der Welt.

Einmal, als die Bume wieder in frischem Grn standen, jagte der Knig
des Landes in dem Wald und verfolgte ein Reh, und weil es in das Gebsch
geflohen war, das den Waldplatz einschlo, stieg er vom Pferd, ri das
Gestrppe aus einander und hieb sich mit seinem Schwert einen Weg. Als
er endlich hindurch gedrungen war, sah er unter dem Baum ein wunderschnes
Mdchen sitzen, das sa da und war von seinem goldenen Haar bis zu den
Fuzehen bedeckt. Er stand still und betrachtete es voll Erstaunen, dann
redete er es an und sprach 'wer bist du? warum sitzest du hier in der
Einde?' Es gab aber keine Antwort, denn es konnte seinen Mund nicht
aufthun. Der Knig sprach weiter 'willst du mit mir auf mein Schlo
gehen?' Da nickte es nur ein wenig mit dem Kopf. Der Knig nahm es auf
seinen Arm, trug es auf sein Pferd und ritt mit ihm heim, und als er auf
das knigliche Schlo kam, lie er ihm schne Kleider anziehen und gab
ihm alles im berflu. Und ob es gleich nicht sprechen konnte, so war
es doch schn und holdselig, da er es von Herzen lieb gewann, und es
dauerte nicht lange, da vermhlte er sich mit ihm.

Als etwa ein Jahr verflossen war, brachte die Knigin einen Sohn zur
Welt. Darauf in der Nacht, wo sie allein in ihrem Bette lag, erschien
ihr die Jungfrau Maria und sprach 'willst du die Wahrheit sagen und
gestehen da du die verbotene Thr aufgeschlossen hast, so will ich
deinen Mund ffnen und dir die Sprache wieder geben: verharrst du aber
in der Snde, und leugnest hartnckig, so nehm ich dein neugebornes
Kind mit mir.' Da war der Knigin verliehen zu antworten, sie blieb
aber verstockt und sprach 'nein, ich habe die verbotene Thr nicht
aufgemacht,' und die Jungfrau Maria nahm das neugeborene Kind ihr aus
den Armen und verschwand damit. Am andern Morgen, als das Kind nicht zu
finden war, gieng ein Gemurmel unter den Leuten, die Knigin wre eine
Menschenfresserin und htte ihr eigenes Kind umgebracht. Sie hrte alles
und konnte nichts dagegen sagen, der Knig aber wollte es nicht glauben
weil er sie so lieb hatte.

Nach einem Jahr gebar die Knigin wieder einen Sohn. In der Nacht trat
auch wieder die Jungfrau Maria zu ihr herein und sprach 'willst du
gestehen da du die verbotene Thre geffnet hast, so will ich dir dein
Kind wiedergeben und deine Zunge lsen: verharrst du aber in der Snde
und leugnest, so nehme ich auch dieses neugeborne mit mir.' Da sprach
die Knigin wiederum 'nein, ich habe die verbotene Thr nicht geffnet,'
und die Jungfrau nahm ihr das Kind aus den Armen weg und mit sich in den
Himmel. Am Morgen, als das Kind abermals verschwunden war, sagten die
Leute ganz laut die Knigin htte es verschlungen, und des Knigs Rthe
verlangten da sie sollte gerichtet werden. Der Knig aber hatte sie
so lieb da er es nicht glauben wollte, und befahl den Rthen bei
Leibes- und Lebensstrafe nichts mehr darber zu sprechen.

Im nchsten Jahre gebar die Knigin ein schnes Tchterlein, da erschien
ihr zum drittenmal Nachts die Jungfrau Maria und sprach 'folge mir.' Sie
nahm sie bei der Hand und fhrte sie in den Himmel, und zeigte ihr da
ihre beiden ltesten Kinder, die lachten sie an und spielten mit der
Weltkugel. Als sich die Knigin darber freuete, sprach die Jungfrau
Maria 'ist dein Herz noch nicht erweicht? wenn du eingestehst da du
die verbotene Thr geffnet hast, so will ich dir deine beiden Shnlein
zurck geben.' Aber die Knigin antwortete zum drittenmal 'nein, ich
habe die verbotene Thr nicht geffnet.' Da lie sie die Jungfrau wieder
zur Erde herabsinken und nahm ihr auch das dritte Kind.

Am andern Morgen, als es ruchbar ward, riefen alle Leute laut 'die
Knigin ist eine Menschenfresserin, sie mu, verurtheilt werden,' und
der Knig konnte seine Rthe nicht mehr zurckweisen. Es ward ein
Gericht ber sie gehalten, und weil sie nicht antworten und sich nicht
vertheidigen konnte, ward sie verurtheilt auf dem Scheiterhaufen zu
sterben. Das Holz wurde zusammengetragen, und als sie an einen Pfahl
festgebunden war und das Feuer rings umher zu brennen anfieng, da schmolz
das harte Eis des Stolzes und ihr Herz ward von Reue bewegt, und sie
dachte 'knnt ich nur noch vor meinem Tode gestehen da ich die Thr
geffnet habe,' da kam ihr die Stimme da sie laut ausrief 'ja, Maria,
ich habe es gethan!' Und alsbald fieng der Himmel an zu regnen und
lschte die Feuerflammen, und ber ihr brach ein Licht hervor, und die
Jungfrau Maria kam herab und hatte die beiden Shnlein zu ihren Seiten
und das neugeborne Tchterlein auf dem Arm. Sie sprach freundlich zu
ihr 'wer seine Snde bereut und eingesteht, dem ist sie vergeben,' und
reichte ihr die drei Kinder, lste ihr die Zunge, und gab ihr Glck fr
das ganze Leben.




[End of Marienkind, by the Brothers Grimm]

[Fin de Marienkind, par les frres Grimm]
